Müssen sich Eltern selbst aufgeben, wenn sie bedürfnisorientiert leben wollen?!

Ein Artikel aus der Zeit Online – Serie „10 nach 8“ von Gastautorin Carolin Rosales beginnt mit den Worten:
„Eltern, gebt euch nicht selbst auf!


„Attachment Parenting“, die bedürfnisgerechte Erziehung, soll angeblich das Beste für unsere Kinder sein. Doch mich macht die ständige Rücksichtnahme fertig.“

Autsch.
Auwei.
Der Artikel machte mich traurig, fasste er doch so viele Missverständnisse zusammen und vereint so vieles, was Familien völlig unnötigen Druck macht.

Attachment Parenting kommt ursprünglich aus dem amerikanischen Sprachraum und geht auf ein Buch von Dr. Sears zurück, vor einigen Jahren habe ich es hier zusammengefasst. Es bezieht sich insofern vorrangig auf Babys und Kinder unter einem Jahr und wird auch oft als „Methode“ bezeichnet, war vielleicht auch zunächst als solche gedacht, auch wenn Dr. Sears‘ Buch selbst auch eher ganzheitlich an die Sache herangeht. Es geht zunächst darum, eine gute Bindung zwischen

Da stellt sich schließlich auch die Frage, was passiert, wenn das Kind das Babyalter verläßt ? Isses dann vorbei mit der Bedürfnisorientierung ? Oder bedeutet die dann gar, wie im Falle der Zeit-Autorin Rosales mit Bronchitis und dem stillenden Einjährigen in der Trage bei Eiseskälte neben dem Dreijährigen auf der Schaukel zu stehen? Hell, no! Dann passiert nämlich sehr oft leider das, was auch hier bei der Autorin geschehen ist: die Eltern/Mütter sind in der Selbstaufgabe, permanent im Mangel, übergehen sich die ganze Zeit, bis das Faß irgendwann überläuft und sie entweder gar nicht mehr können und/oder es aus ihnen herausplatzt: „jetzt habe ich mich die ganze Zeit um Deine Bedürfnisse gekümmert und nie um meine, jetzt reicht’s, jetzt bin ICH dran“ und dann geht es von Selbstbetreuung zu Ganztagsbetreuung, es ist Wut da und das Kind weiß gar nicht, wie ihm geschieht.

Unter dem Strich ist es egal, wie sich die Sache nennt. Konzepte sind doof. Bedürfnisorientierung (für alle und natürlich auch mit Fokus auf die Kleinsten) ist gut. Finde ich. Attachment Parenting und Co dient als Begriff somit erstmal dazu, „Gleichgesinnte“ zu finden. Denn machen wir uns nichts vor: in der einen oder anderen Facebook-Blase oder eventuell noch in einzelnen hippen Großstadt-Stadtvierteln mag es gar nicht kinder-bedürfnisorientiert genug zugehen können. Die gesamtgesellschaftliche Realität sieht wohl eher anders aus. Und ja, Mütter-Bashing ist immer doof ! Auch ich arbeite ja mit Müttern, die dann erschöpft sind und wütend werden. Problem ist dabei jedoch meist nicht das Eingehen auf die Bedürfnisse des Kindes, sondern eben die eigenen Bedürfnisse nicht spüren zu können (weil meist nie gelernt/gedurft) und sie daher zu übergehen – und keine oder zu wenig Unterstützung und Anerkennung zu haben.

Ich spreche ja insgesamt lieber von bedürfnisorientiertem Familienleben als von Elternschaft. Denn es geht um die Bedürfnisse aller Beteiligten und darum, am besten einen Weg zu finden, der die Bedürfnisse aller befriedigt („unden“) – und eben nicht um „ständige Rücksichtnahme“ des einen oder anderen. Darum, was man machen kann, wenn man einfach nicht mehr kann – sich Hilfe suchen, Dinge oder ganze Leben mittelfristig umorganisieren oder auch einfach mal auf dem Feldweg sitzen bleiben.

Genausowenig ist eben unerzogen ein Erziehungskonzept.

Es sind Haltungen, Entscheidungen, auf eine Art und Weise miteinander umzugehen, die den anderen sehen in seiner Ganzheit, seine Bedürfnisse achten und jedem Menschen die gleichen Rechte zugestehen, ob groß ob klein. Konzept oder Methode sind schwierig, das läuft dann Gefahr, und die Richtung zu gehen von „ich trage und stille und familienbette und tue alles,und mein Kind schreit immer noch“.

Wie ich das bezeichne, ist eigentlich egal. Diese „Schubladen“ können nützlich sein, wenn sie sie unterstützen, helfen Gleichgesinnte zu finden, nicht wenn sie separieren.

Selbst habe ich drei Kinder, stille ich seit mittlerweile 10 Jahren am Stück, wir haben seit der ersten Lebenswoche von Kind 1 Familienbett, ich bin seit Jahren Selbstbetreuerin mindestens eines Kindes, habe AP gelebt, bevor ich wußte, dass das „Kind“ einen Namen hat (war aber sehr froh, dass dann irgendwann festzustellen und somit Menschen zum Austausch zu haben und welche, die ähnlich lebten wie ich – community rocks !) und habe in all diesen Jahren viele Eltern in diesem Feld oder Teilbereichen begleitet. Zudem habe ich mit Kind auf eine bedürfnisorientierte Selbständigkeit umgestellt und bin sehr happy damit. Der Argumentation von Frau Rosales folgend, müßte ich mich zwischenzeitlich komplett geopfert haben oder eine engelsgleiche Mutter-Theresa-Gestalt sein. Ich kann Dich beruhigen, liebe Leserin: beides ist nicht der Fall. Es besteht auch kein Anlass für das Bundesverdienstkreuz am Bande oder ähnliches, ich mache meinen Mama-Job, so wie die meisten anderen auch. Und zwar so, dass es sich gut anfühlt, dass möglichst meine Kinder und ich Freude daran haben und gut damit leben können. Wenn das nicht so ist, ändern wir was. Bei uns war das halt eben so, dass Töchterchen von Kinderwagen und allein in der Wiege schlafen nix wissen wollte. Später erfuhr ich, dass sie dafür auch gute Gründe hatte 😉 Aber wir waren und sind damit eher „Aliens“. Eher wenig wurden wir in Diskussionen verwickelt, wer nun länger stillt.

Dass das nicht immer leicht war und ist, ist hier ja auch zu lesen gewesen – weil eben Elternschaft etwas ist, dass nicht mal so nebenbei „erledigt“ wird.

Und all diese Dinge sind kein Zeichen für ein bedürfnisorientiertes Miteinander. Sie können manchmal helfen, ja. Aber das ist nicht das Entscheidende, das ist nicht, worum es geht. Bedürfnisorientierung ist keine Liste, die man abhakt und dann der Held im Sandkasten ist.

  • Stillen – check!
  • Tragen – check!
  • Co-Sleeping – check!
  • Balance – fail…..
  • Kinder kommen auf die Welt mit der Erwartung, dass ihre Bedürfnisse erfüllt werden. Das ist so. Sie können es noch nicht selbst, dafür sind erstmal wir zuständig. Und dann orientieren sie sich an ihrer Umwelt. Das Kind weiß nicht, wenn es mir nicht gut geht, wenn ich ihm das nicht mitteile. Irgendwann merkt es vielleicht, dass ich wie Frau Rosales eher schmallippig und genervt oder fiebrig neben der Schaukel stehe und ist irritiert und verunsichert ob der ausgesendeten Doppelbotschaft.

    Ein „mir geht’s nicht gut, vielleicht kann Papa nachher mit Dir raus, magst Du ein bißchen hier neben dem Sofa spielen?“ (oder ja, auch fernsehen oder was halt eben allen hilft) hätte eine andere Message gehabt. Und ja, das verstehen auch Kleinkinder. Denn idealerweise beruht das auf Gegenseitigkeit: ich schaue auf Deine Bedürfnisse – und ich äußere und schaue auch auf meine.

    Das ist es auch, warum Konzepte so sinnlos und eher schädlich sind. Denn wenn man alles nur tut, weil es vermeintlich-angeblich „das Beste“ für die Kinder ist, geht das eigentlich immer nach hinten los. Wie immer ist es auch so, dieses „vermeintlich Beste“ weiß dann auch nur einer, ist klar…Mache ich Sport, weil ich mich bewegen möchte; merke, dass mir Bewegung gut tut ist das etwas anderes, als wenn ich einem dogmatischen Fitneßwahn verfalle, weil „alle sagen, daß das das Beste ist“. Und genausowenig ist es eben so, dass man oben ins Kind ein bißchen Attachment Parenting hineinfüllt, damit unten das perfekte Kind herauskommt.

    Das kloeter’sche „wer leidet mehr“ finde ich da auch hilfreich. Da kann durchaus auch der Dreijährige mal deutlich mehr in seiner Kraft stehen. Gut ist’s halt, wenn das nicht immer ein- und dieselbe Person ist, dann darf vielleicht mal tiefer hingeschaut werden.

    Die Krux und das große Problem beim Artikel in der ZEIT sind: Kinder werden nicht zu bedürfnisahnungslosen Wesen dadurch, dass wir bindungs- und beziehungsorientiert handeln. Im Gegenteil. Kinder werden zu bedürfnisahnungslosen Wesen, wenn sie auf irgendeine Art immer im Mangel leben. Wenn ihre Bedürfnisse eben nicht gesehen und nicht erfüllt werden. Wenn sie sie nicht äußern durften oder ihnen nicht zugehört wurde. Wenn sie dafür selbst keine Worte haben und finden. DANN tappen sie auch als Ü30jährige im Nebel, wie sich das denn anfühlt mit den eigenen Bedürfnissen, wie so viele unserer Generation. So wie auch wir nur aus der Fülle geben können und nicht aus dem Mangel. Wenn meine Bedürfnisse erfüllt sind, ist es leicht, auch anderen ihre Bedürfnisse zu erfüllen, dann kann ich geben aus meiner Kraft und Freude heraus.

    Denn das große Problem unserer Elterngeneration ist ja eher, die eigenen Bedürfnisse lange nicht gut spüren zu können, weil sie durch Erziehung und Co oft übergangen wurden und nicht gefragt waren. Und nun stehen wir vor dem Spagat, das den Kindern nicht weiterzugeben und selbst nicht auf der Strecke zu bleiben. Denn das Kind fordert einfach ein, was es braucht, und bringt Eltern damit in die Situation, selbst zu schauen, ob sie das geben können. Es gibt meistens Wege, die beiden gerecht werden. Vielleicht nicht sofort und vollständig, aber es zählt erstmal, das zu sehen und sich auf den Weg zu machen. Denn diese Transformation insgesamt dauert, oft sogar ein paar Jahre, weil es eben so lange ungewohnt war. Deswegen aber NICHT bedürfnisorientiert mit Kindern umzugehen, halte ich persönlich auch für den falschen Weg. Ich sehe die Achtung von Bedürfnissen eher als ein Menschenrecht großer und kleiner Menschen und somit als alternativlos.

    Wie so oft, kommt dieses Gefühl des Mangels aus der gefühlten Fremdbestimmung, das geht den Großen wie den Kleinen so. Der Wunsch und das Bedürfnis nach Autonomie und nach Selbstbestimmung ist beiden gleich.

    Hinzu  kommt, auch äußern zu dürfen, was da gerade Sache ist. Zum Ende des Artikels gibt Frau Rosales ihrer Nachbarin (!) eine Zigarette, die völlig fertig mit Baby in der Trage zu ihr (die wohl rauchend daneben steht) sagt, dass sie das auch gerne würde. Geht gar nicht sooo sehr um die Ersatzbefriedigung und das Rauchen an sich. Wenn die Zigarette in dem Moment gerade dran ist, sei’s drum. Aber wie ist  die Nachbarin soo fertig und bedürftig geworden, ohne dass Rosales das gemerkt hat? Wo ist das Problem, zur Nachbarin zu sagen: hey, dann gib mir gerade Dein Baby, das braucht den Rauch nicht abzubekommen. Und was brauchst Du denn eigentlich wirklich, womit kann ich Dir jetzt helfen und Dich vielleicht in Zukunft entlasten? Vielleicht, wenn beide ein Mütterteam gründeten, müßten beide nicht rauchen? Möglich wäre es zumindest. Dazu hilft es, die Maske runterzunehmen,  die Maske des „immer allein schaffen“ und „die anderen schaffen es doch auch“ und „was sollen die anderen denken“.Das ist vielleicht bei diesen beiden Frauen der erste Schritt. Zu wünschen wäre es.

    Es gibt immer Lösungen out of the box. Trau Dich, sie zu suchen. Und trau Dich, danach zu fragen oder sie Dir zu schaffen. Im Zweifel auch egal, was die anderen denken. Such Dir Unterstützung!

    Auch ich bin für Dich da, wenn Du magst.

    Hier mein kleiner „Rant“ auch noch in Bild und Ton 

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