Hoppla, wer spricht denn da?

Die Sprüche von Peggy O’Mara und Alice Miller sind mehr oder minder bekannt. Miller geht damit ja noch einen Tick weiter, denn sie geht nicht nur auf das Sprechen ein.

Aber was bedeuten sie eigentlich für unseren Alltag? 

Kennst Du das, dass Du bei Sachen, die Du DIR sagst, irgendwann darauf kommst, dass diese Dinge z.B. Dein Vater immer als Kind zu Dir gesagt hat? Er selbst weiß das vielleicht schon gar nicht mehr. Jedenfalls hat es keine Wichtigkeit mehr für ihn. Vielleicht war ihm das schon damals nicht bewußt, dass er das oft zu Dir gesagt hat, eine unbewußte Handlung. Oder Du kannst ihn gar nicht mehr fragen, weil er z.B. schon gestorben ist. Aber diese innere Stimme, die ist immer noch da. Die hat gar nichts mehr mit der Stimme Deines Vaters zu tun – sie ist zu Deiner geworden. Vielleicht hat sie sogar Deinen Tonfall angenommen. Viele Gründe, warum Du sie für einen Teil von Dir hälst…sie sogar ein solcher geworden ist.

Dies muß auch gar nicht von den Eltern her kommen (auch wenn diese oft ein Grund oder zumindest ein Verstärker sind, einfach aufgrund der Liebe und starken Verbindung, die wir für und mi unseren Eltern als Kind haben). Ebenfalls typische Beispiele sind eben jene „Klassiker“ aus der Schule wie z.B. „ich kann einfach kein Mathe“ oder „ich kann nicht singen“ nach entsprechenden Beurteilung eines Lehrers (meist noch verbunden mit der dazugehörigen Benotung).

Die Worte verselbständigen sich

Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ist diese Stimme sehr stark, vielleicht sogar vehementer in dem, was sie von Dir will, sogar stärker als die ursprünglichen Aussagen es waren.

Sie redet nicht nur mit Dir, es geht viel tiefer (kein Wunder, schließlich seid Ihr ja schon seit Jahrzehnten zusammen im Spiel). Du bildest daraus mit der Zeit  (oder auch wenn so etwas einmalig vorkam, es hängt davon ab, wie stark es Dich getroffen hat) Ableitungen und Rückschlüsse aus, die zu Grundüberzeugungen führen wie „Ich bin nicht gut genug“ oder „Ich bin nicht geliebt“. Auch diese sagst Du Dir dann wiederum, meist nicht bewußt, aber sie bilden die Grundlage dessen, was Du tust, wie Du lebst, wie Du handelst, wie Du die Worte oder Handlungen anderer Dir gegenüber einschätzt.

Du wirst mir wahrscheinlich zustimmen, dass die Worte Deines Partners „ich möchte am Wochenende mal alleine nach XY fahren“ auf unterschiedlich bereiteten Boden fallen und Du sie anders einschätzt, je nachdem, ob Du Dich für einen sehr liebenswerten, tollen Menschen hälst oder ob Du eh glaubst, dass Du nie wirklich gut genug bist – und eigentlich tief in Dir Dir nur darauf wartest, dass die Anderen um Dich herum das merken. Man kann sich da in (Selbst-)Coaching und  Therapie „umprogrammieren“, etwas anderes zu glauben, aber das ist definitiv ein längerer Prozess.

Und so wie das für Dich gilt, so ist es natürlich auch für Deine Kinder. Wenn Dir diese Auswirkung bewusst wird, dann möchtest Du das vermutlich vermeiden, so geht es vielen Eltern.

Dann lieber gar nichts sagen ?!

Nun aber oh je – was sagst Du denn dann noch zu Deinen Kindern ?? Diese empfundene Verantwortung kann so tonnenschwer wiegen, dass sie sprachlos macht. Oder wenigstens unsicher. Denn Worte machen Wahrheit.

Das gilt auch, wenn sie gar nicht direkt auf das Kind selbst bezogen sind. Wenn wir beständig etwas sagen, was wir für wahr halten, übernehmen unsere Kinder das genauso, auch wenn es gar nicht direkt an sie gerichtet ist („Das Leben ist hart“, „Das Leben ist kein Ponyhof“..). Auch da würde ich Dinge möglichst als meine Meinung kennzeichnen. Natürlich übernehmen Kinder das auch – wir als Eltern sind Vorbild, Kinder wollen kooperieren, aber doch macht es einen Unterschied, ob es als unverrückbare Wahrheit präsentiert wird oder als eine mögliche Meinung.

Gar nix sagen ist aber auch keine gute Lösung, denn dann weiß Dein Kind auch nicht, woran es bei Dir ist. Und Kinder wollen uns kennenlernen, wollen wissen, wofür wir stehen.

Die gute Nachricht ist: wenn Du nicht erziehst, dann ist das kein allzu großes Problem für Dich. Diese fiesen inneren Sätze und ihre Auswirkungen entstammen im Wesentlichen der Erziehung (insofern kein Wunder, dass hier auch ein Alice-Miller-Zitat am Start ist).

Denn der Hauptgrund, warum Erziehung so gewaltvoll wirkt, ist der: sie ist absolut und so sind auch aus einer erzieherischen Haltung gesagte Sätze/Satzeinleitungen:

  • „Bei uns gilt die Regel, dass…..“
  • „Laß das, das darfst du nicht“
  • „Das macht man nicht“
  • „Du mußt immer…..“
  • „Solange Du ….“
  • „Wenn….. dann…..“

Aus Sätzen und Formulierungen wie diesen gibt es keinen Ausweg, keine Handlungsalternative. Erziehung eröffnet diese nicht. Erziehung sagt: der Erziehende weiß, wo es langgeht und weiß, wie der Erzogene/Zögling sein oder werden soll und hat seine mehr oder minder festen Vorstellungen davon, wie das erreicht werden soll. Es kann höchstens Ausnahmen von der Regel geben. Das bedeutet, wenn ich so nicht bin (und das spüre ich ja bereits als Kind), dann fühlt sich das nicht richtig an. Die Botschaft ist: ich mache es irgendwie falsch, das ist nicht ok, ich bin nicht ok.

Alternativen offen lassen

Nichterziehende Kommunikation eröffnet immer die Möglichkeit zum Nein-Sagen, zum Ablehnen, zum es-völlig-anders-Sehen. Sie formuliert wo immer es möglich ist, Wünsche oder Bitten, aber enthält auch die Option, es anders zu machen. Die Botschaft an das Unbewußte des Kindes lautet: ich bin auch dann ok, wenn ich das jetzt nicht machen will oder wenn ich es anders sehe. Das ist erleichternd, auch für Dich, denn es gibt die Option, es morgen anders zu sehen, anders zu handeln und auch darüber im Dialog zu sein, warum das so ist. Die Folge aus der Erziehung hat dagegen meist etwas von „Ausnahme“, „Immer“, „Konsequenz“. Formulierungen ohne erziehenden Hintergrund klingen daher oft sanfter („ich finde, dass… „, „Was meinst Du…“, „können wir uns auf etwas anderes einigen?“) oder bleiben zumindest bei mir und erklären im Optimalfall („ich will, dass Ihr heute nicht im Wohnzimmer herumtobt, denn ich habe Kopfschmerzen“) und bleiben frei von „man…“ und „immer“.

Ich hoffe, dass auch die daraus resultierende innere Stimme des Kindes dann auch gnädiger werden wird. Es zulassen wird, Dinge anders zu sehen und zu wissen, hey, fast nichts auf dieser Welt ist absolut.

Denn gar nicht so selten ist unsere innere Stimme einfach eine Interpretation (so wie alles, was gesagt wird, vom Empfänger anders aufgefasst werden kann, als es der Sender gemeint hat). Das merken wir leider oft erst dann, wenn wir im Rahmen von Therapie oder gar am Sterbebett den „Absender“ fragen, wie es gemeint war und feststellen, dass wir mit unserer Interpretation auf dem falschen Dampfer waren.

Für Deine Sprache gegenüber Deinen Kindern heißt das: sei klar. Sage, was Du sagen möchtest. Die Sache mit dem „Ausweg lassen“ bedeutet nicht, dass Du Wischiwaschi bleiben oder Dich nicht positionieren sollst.

Aber mach eben auch klar, dass es total ok ist, wenn Dein Kind nicht Deiner Meinung ist.

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