Die politische Bedeutung von Bullerbü-Bildchen auf Instagram – Vom Blick über den Tellerrand

Eine Journalistin der Frankfurter Zeitung hat sich an den Elternbloggerinnen ausgetobt. Herausgekommen ist ein Artikel, der die Sozialwissenschaftlerin, die Journalistin, die Bloggerin, die Mama, die Feministin, der Coach und die Weltverbesserin in mir alle miteinander zum Weinen bringt. Von den „Töchtern frauenbewegter Babyboomerinnen“ ist da die Rede, die „sich in der Rolle der kreativen Hausfrau verwirklichen“. Einzelne Bloggerinnen wie Blogprinzessin, Hauptstadtmutti, Frau Mutter, Babykind undMeer werden namentlich genannt als Beispiel eben dafür, eine nicht vorhandene Bullerbü-Welt zu zelebrieren, zurück  in ein „Rollenbild der 50er Jahre zu gehen, als Frauen ohne Erlaubnis ihres Mannes nicht arbeiten durften“. Weiter geht es mit ein bißchen Bashing der Teilzeitjobs, die „qualifizierte Aufgaben verhindern“, den Rückzug an den sicheren Familientisch gegenüber dem unsicheren Konferenztisch, über die „Kreativität, die man sich leisten können muß“ bis hin zum armen Fabrikarbeiter, der so überlastet ist, dass er keine Eulenhosen nähen kann.

Der Artikel vereint so viele (Vor)-Urteile in einer bekannten deutschen Tageszeitung – und es ist zu merken, daß die Zeit (oder Lust) für Recherche schon gar nicht da ist.

Es gibt politische Elternblogs – und auch die genannten widmen sich politischen Themen. Das hat z.B. Rike Drust hier zusammengetragen. 

Hinzu kommt: Elternblogs sind per se politisch ! Selbst wenn die Einzelnen sich dessen vielleicht gar nicht bewußt sind. Der Spruch „Das Private ist politisch“ stammt zwar aus einer anderen Zeit und anderem Kontext, aber das macht ihn ja nicht falsch. Erziehung und der Umgang mit Kindern sind stets politisch. Nicht umsonst fangen diejenigen, die wirklich grundlegende Veränderungen in einer Gesellschaft vorhaben, bei den Kindern und Familien an (die Kinder- und Jugendgruppen sowie Elternschule und „Mütterkult“ der Nazis oder die DDR sind da krasse, aber gewiss nicht die einzigen Beispiele). Und da gibt es eben heute über das Netz noch ganz andere Möglichkeiten. 

Wie grundlegend wichtig eine sichere Bindung für unsere Gesellschaft ist, beschreibt Susanne Mierau hier.

Es gibt journalistische Blogger – wie Mareice Kaiser oder die Frauen von StadtLandMama. Viele Blogger haben (oder nehmen sich) heute mehr Zeit für gut recherchierte Artikel als die Journalisten der etablierten Häuser.

Große Elternblogger wie (im bedürfnisorientierten Bereich) Susanne Mierau und Co HABEN die Welt bereits verändert – es ist mit ihnen zu verdanken, dass immer mehr Eltern ihre Kinder nicht schreien lassen etc. Die Veränderungen der letzten 10 Jahre ca. dahingehend sind deutlich sichtbar – teilweise in der Filterblase, aber allein diese wird immer größer, der bedürfnisorientierte Umgang mit Kindern wird immer mehr bekannt oder gar „Mainstream“.

Nicht zuletzt verkennt die Autorin eines: gerade die genannten Blogs, das sind keine Hausfrauen, das sind berufstätige Mütter ! Sie verdienen damit Geld, teilweise mehr als in ihren erlernten Berufen. Gerade bei großen Blogs wie BabyKindundMeer ist das ein Vollzeitjob, teilweise nicht nur für einen in der Familie, sondern für beide Elternteile.

Nun kann man sicherlich darüber diskutieren, ob es gestattet ist, mit ansehnlichen Fotos und hübschem Chichi Geld zu verdienen. Eine ganze Industrie widmet sich diesem Bereich – also ist der Bedarf da 😉

Diese Frauen, diese Mütter schaffen sich ihre eigene neue Wirklichkeit, solange die Unternehmen das nicht in ausreichendem Maße tun. Auch und gerade dann, wenn die vermeintlich Vorgegebene blöd ist (kein Teilzeitjob, Menschen die glauben, dass Teilzeit-Jobs mit qualifizierten Aufgaben nicht  möglich sind, kein Kitaplatz, Kind geht es nicht gut in der Kita).

Sie sind eben ausgebrochen aus diesem Zwang des „das ist aber so“, sie jammern nicht darüber, sondern haben ihr Leben selbst in die Hand genommen. Und nutzen oft dann ihre Reichweite, um auf Missstände hinzuweisen. Die Politik jedenfalls erkennt langsam den Einfluß, so lädt das Bundesfamilienministerium Elternblogger zum Gespräch und einzelne rechte Parteien (leider) gehen auf Stimmenfang bei jenen, die Familie nicht nur als ein Konstrukt wollen, dass sich Samstags und Sonntags morgens zum Frühstück trifft.

Das Thema Online-Business scheint an der FR vorbeigegangen zu sein. Ich halte es da eher mit Svenja Walter, die auf einem Vortrag im letzten Jahr sagte „Bloggen ist gelebter Feminismus“.

Das ist doch Teil der selbstgestalteten Wahlfreiheit. Auch sagen zu können, ich bin zuhause, ich gestalte auch mein Berufsleben von zuhause und Kigaschließzeiten oder kranke Kinder verursachen mir keinen Streß.

Und das, dieses nebenher aufbauen, wie es ja auch die genannten Blogger gemacht haben, das können der von der Autorin genannte Mechatroniker und die Kassiererin auch.

Ich persönlich will so ein Weltbild und so eine „ich kann eh nichts ändern“-Haltung meinen Kindern auch gar nicht vermitteln. Sie sind die Gestalter der Zukunft. Die Kinder und wir können die Welt zu einem besseren Ort machen – wer sonst, wenn nicht wir? Und die Gesellschaft sind letztlich wir alle, das ist kein von außen übergestülptes Konstrukt (sh auch hier bei Susanne Mierau).

Vielleicht sollten die betreffenden Journalisten sich mal auf die andere Seite des Zauns und aus ihrem Büro und Denkfeld herausbewegen und sich die unbekannten Teile der Welt anschauen. Es gibt bestimmt Elternbloggerinnen in Bullerbü und anderswo, die sie herzlich gern einladen würden.

Linksammlung dazu:

Der Beitrag in der FR

Rike Drust – Linksammlung für die Frankfurter Rundschau

Aufbruch zum Umdenken – Die stille Revolution

Lottes Motterleben – Der politische Basteltipp

Freilern-Blog – Bloggen ist gelebter Feminismus

noch kommend Interview bei Familien-Online-Business-Kongress mit ALu Kitzerow

Susanne Mierau – Unsere Gesellschaft braucht sicher gebundene Kinder

Frische Brise – Mütterblogs?-Niedlich!

Fotonachweis: fotolia 101059730 – basteln – @unikat

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